Wenn der Trainer schreit: was Eltern tun können
Laut, leise oder nur der Samstag: woran du den Unterschied erkennst, was du tun kannst, ohne dass es auf dein Kind zurückfällt, und wo der Kinderschutz anfängt.
10 Min. Lesezeitvon Patrick Schneider
„Der Trainer brüllt. Die anderen Eltern sagen, das sei halt so.“ Woran du erkennst, ob das der Trainer ist oder nur der Samstag war: Ein Ausfall unter Druck steht einzeln, trifft die ganze Gruppe und hört mit dem Abpfiff auf. Kommen dieselben Sätze im Training, treffen sie immer dasselbe Kind oder gehen sie nach dem Spiel weiter, ist es der Ton. Und dann gilt eine Reihenfolge, die nicht mit dem Gespräch anfängt: zweimal hinsehen, jemanden vorschicken oder selbst näher heran, erst dann unter vier Augen.
Dass der Trainer das unbezahlt macht, nach der Arbeit, und dass die Alternative oft keine Mannschaft ist, steht in Kapitel 11 des Elternleitfadens. Warum das trotzdem nichts aufhebt, steht dort auch. Dieser Text setzt danach an.
Die laute Tonlage: erst einordnen, dann bewerten
Ein Training mit vierzehn Sechsjährigen auf einem halben Platz ist laut. Wer über dreißig Meter eine Ansage macht, ruft. Das ist kein Anschreien, das ist Akustik.
Die Grenze gibt es trotzdem, und sie ist überschritten, wenn
- ein Kind vor der Gruppe bloßgestellt wird,
- einzelne Kinder abwertend angesprochen werden,
- Strafrunden verteilt werden,
- Kinder nach dem Training nicht mehr hingehen wollen.
Der letzte Punkt ist der verlässlichste, weil du ihn zu Hause siehst und nicht auf dem Platz.
Der Trainer am Dienstag und der Trainer bei 0:3
Das sind oft nicht dieselbe Person.
Im Training läuft es. Am Spieltag steht die Mannschaft hinten, die Kinder machen nicht, was besprochen war, an der Linie stehen dreißig Erwachsene und sehen zu. Dann wird ein sonst ruhiger Vater hektisch. Erst kommen die Anweisungen schneller, dann lauter, dann kommt der Satz, den er hinterher selbst nicht so gemeint hat. Dass er als Vater dort steht, macht es nicht leichter: Es ist auch seine Mannschaft, vor seinen Leuten.
Das erklärt es und entschuldigt es nicht, wie beim Ehrenamt auch.
Was du daraus für dich brauchst, ist die Unterscheidung vom Anfang: War das der Samstag, oder ist das der Trainer? Wenn dieselben Sätze auch im Training fallen, wenn sie immer dasselbe Kind treffen oder nach dem Spiel weitergehen, dann ist es der Ton und kein Ausrutscher. Das ist die Grenze zwischen „einmal danebengegriffen“ und „so ist es hier immer“, und ohne sie beurteilst du einen Menschen nach seinen schlechtesten neunzig Minuten.
Praktisch folgt daraus vor allem eines: Am Spieltag sprichst du niemanden an. Den Trainer nicht, und die anderen Eltern über ihn auch nicht. Bei 0:3 steht keiner gut da, auch der nicht, der es anspricht. Wenn am Samstag nicht der Trainer ruft, sondern die Eltern am Rand, ist das Kapitel 10 des Leitfadens: Was am Spielfeldrand hilft und was schadet.
Die leise Tonlage, und um die geht es öfter
Das Kind trifft und hört „von dir hätte ich zwei erwartet“. Es trifft noch einmal und hört „der hätte fester reingehen können“. Einzeln ist keiner dieser Sätze der Rede wert. Sie kommen nur nicht einzeln, sondern jedes Mal, und das Lob darf nie stehen bleiben.
Viele dieser Trainer haben es, glaube ich, selbst nie anders gehört und bekommen „das hast du richtig gut gemacht“ schlicht nicht ohne Fortsetzung heraus. Das ist eine Prägung und keine Absicht. Wie man lobt, ohne den Satz mit „aber“ weiterzuführen, steht von der anderen Seite aus im Trainerleitfaden, in Regeln, Ton und Grenzen.
Nenn es für dich „Lob mit Nachschlag“, wenn dir das hilft. Der Ausdruck meint einen Satzbau, und du brauchst ihn nur so lange, wie er dir beim Einordnen hilft. Ein Etikett für den Trainer ist er nicht.
Diese Tonlage ist schwerer zu behandeln als die laute, aus einem einzigen Grund: Es gibt keinen Vorfall. Nichts ist passiert, nichts lässt sich zitieren, und wer es anspricht, steht als überempfindlich da. Sie wirkt trotzdem, und sie wirkt langsam.
Dieselbe Ansage ist für zwei Kinder zwei verschiedene Sachen. Das Kind, das beim Erklären nicht vom Ball lässt, hört sie am häufigsten, steckt sie weg und überhört das „aber“. Ein anderes Kind zerlegt sie, und das sensible hört von „gut gemacht, aber“ ohnehin nur die zweite Hälfte. Deshalb sieht ausgerechnet bei dem ersten am seltensten jemand hin: Wer nur die Reaktion des Kindes betrachtet, misst die falsche Größe.
Die Sorge, dass es auf dein Kind zurückfällt
Sie ist begründet. Der Trainer entscheidet über Aufstellung, Einsatzzeit und Ansprache, und im Alltag sagt ihm niemand, wen er aufstellt. Wer ihn kritisiert, kritisiert den, der das eigene Kind am Samstag aufstellt. Wer an dieser Stelle schreibt, ein offenes Wort schade nie, hat mit keinem Elternteil gesprochen.
Bei den Kleinen ist dieser Hebel kürzer, als er aussieht. Beim Spielfest wird nach jedem Tor in fester Reihenfolge gewechselt, so schreibt es Hessen in den Durchführungsbestimmungen für die Spielzeit 2026/27 vor (Fassung vom 10. Juli 2026), und wie das am Samstag aussieht, steht im Artikel zum Spielfest. Wie viel dein Kind spielt, entscheidet in der G- und F-Jugend also weniger der Trainer, als Eltern glauben; die Rechnung dazu steht in Einsatzzeiten im Kinderfußball.
Die zweite Hälfte derselben Wahrheit ist nüchtern. In einem Ballungsraum mit vollen Jahrgängen und Warteliste kann ein Trainer sich die Kinder aussuchen, und wer nicht mitzieht, ist irgendwann nicht mehr dabei. Im Dorfverein mit elf Kindern im Jahrgang gilt das Gegenteil, weil dort jedes Kind gebraucht wird. Das ist meine Einschätzung, und sie gilt nicht für jeden Verein.
Was du tust, in dieser Reihenfolge
- Einmal beobachten, statt sofort zu reagieren. Geh zweimal hin, bevor du etwas sagst, und einmal davon ins Training statt zum Spieltag. Sonst beurteilst du den Samstag und nicht den Trainer. Vieles, was aus dem Auto heraus schlimm klingt, ist auf dem Platz eine Ansage über dreißig Meter. Das kostet zwei Termine.
- Schick jemanden vor, statt selbst gegenüberzustehen. Den Jugendleiter, die Ansprechperson des Vereins, einen zweiten Trainer, notfalls mehrere Eltern gemeinsam statt eines einzelnen. Feige ist das nicht: Dein Anliegen kommt so an, ohne dass ein Kind daran hängt. Es kostet Überwindung.
- Oder der umgekehrte Weg: näher heran statt gegenüber. Betreuer, Fahrdienst, Trikots, Aufbau. Wer mitmacht, steht neben dem Trainer statt vor ihm, sieht selbst, wie eine Einheit mit vierzehn Kindern läuft, und wird gehört, weil er dazugehört. Ich halte das für den Weg, der am ehesten etwas ändert, und es ist der einzige, von dem der Verein auch etwas hat. Er kostet Zeit, und das ist nicht kleingeredet.
- Das Gespräch unter vier Augen, wenn es sein muss. Nicht am Spielfeldrand, nicht direkt nach dem Spiel, nicht vor anderen Eltern. Und mit einem Satz, den du dir vorher zurechtlegst: „Mir ist aufgefallen, dass er nach dem Training oft still ist. Fällt dir das auch auf?“ Eine Beobachtung, eine Frage, kein Urteil.
- Danach der Jugendleiter, danach die Anlaufstelle des Verbands.
Wer beim Gespräch anfängt, hat die drei Schritte übersprungen, die sein Kind schützen.
Wer im Verein wofür zuständig ist, steht in der Satzung, und die Bezeichnungen meinen nicht überall dasselbe: Jugendleiter, Jugendwart, Jugendobmann. Dazu soll jeder Verein eine Ansprechperson für den Kinderschutz benennen und schulen. Das ist einer von fünf Mindeststandards, die der Hessische Fußball-Verband seinen Vereinen auf seiner Seite Kinderrechte und Kinderschutz nennt, abgerufen am 19.09.2026. Ob euer Verein eine hat, ist eine Frage, die man dem Jugendleiter stellen kann.
Was du nicht tust: im Elternchat eskalieren. Nicht aus Rücksicht auf den Trainer, sondern weil danach zwei Lager existieren, dein Kind in einem davon spielt, und die Sache selbst dabei nicht mehr vorkommt.
Was sich mit dem Alter verschiebt
Die Grenze aus der Liste oben ist auf keiner Stufe eine andere. Bloßstellen vor der Gruppe ist mit vier über der Grenze und mit zehn auch. Was sich ändert, ist, welche der beiden Tonlagen in welchem Alter etwas anrichtet, und woran du es bemerkst, denn ein Vierjähriger meldet etwas anderes als ein Zehnjähriger.
| Alter | Welche Tonlage hier wirkt | Woran du es bemerkst | Was das für die fünf Schritte heißt |
|---|---|---|---|
| 3–4 Jahre (vor G) | Nur die laute. Ein Kind in dem Alter erlebt Lautstärke, nicht Inhalt: Es weint, läuft zu dir oder macht nicht mehr mit. Bloßstellung vor der Gruppe gibt es noch nicht, weil die Gruppe im Kopf des Kindes noch nicht vorkommt | Es will beim nächsten Mal nicht hin. Mehr Maßstab gibt es in dem Alter nicht, und mehr braucht es auch nicht | Schritt 1 fällt weg. Ein lautes Training reicht, und die Frage ist dann nicht, ob der Trainer der Richtige ist, sondern ob die Gruppe die richtige ist |
| 5–6 Jahre (G, Bambini) | Die laute, und sie trifft die Kinder verschieden. Das ballverrückte Kind kickt beim Anschreien weiter und bekommt deshalb am meisten ab, während das sensible nach einem lauten ersten Training weg ist. Die leise läuft hier noch ins Leere: „Von dir hätte ich zwei erwartet“ versteht ein Fünfjähriger nicht als Vergleich | Beim einen Kind an nichts, es steckt weg, und deshalb sieht bei ihm niemand hin. Beim anderen an allem: Bauchweh am Trainingstag, Weinen im Auto | Schritt 1 heißt hier Training, nicht Spieltag, beim Spielfest der G-Jugend spielen ohnehin alle. Und: Aushalten ist kein Einverständnis |
| 7–8 Jahre (F) | Beide, und die laute wird schärfer. Erst jetzt gibt es die Mannschaft als Gruppe, vor der man bloßgestellt werden kann, und einen Spieltag, an dem 0:3 steht. Die leise fängt an zu wirken, weil das Kind sich zum ersten Mal vergleicht | Das Kind erzählt noch. Sätze des Trainers kommen zu Hause wörtlich an, und daran hörst du, ob sie einmal fielen oder jedes Mal | Alle fünf Schritte, in der Reihenfolge oben. Die Sorge um die Aufstellung ist hier zum ersten Mal begründet, weil es zum ersten Mal einen Kader gibt |
| 9–10 Jahre (E) | Die leise, und sie ist hier die gefährlichere. Ein Zehnjähriger weiß, was „der hätte fester reingehen können“ nach einem Tor heißt, und ordnet sich danach ein. Die laute hält er besser aus als mit sieben, und hält sie deshalb für normal | Das Kind erzählt nicht mehr, und das ist das Zeichen. Es wird stiller nach dem Training, nicht lauter. Was gesagt wurde, hörst du von Mitspielern oder deren Eltern | Schritt 2 und 3 werden wichtiger als Schritt 4: Ein Zehnjähriger will nicht, dass seine Eltern mit dem Trainer reden, und sagt das auch. Näher heran ist in dem Alter der Weg, der ohne das Kind auskommt |
Auf das Jahr genau ist das nicht gemeint, und Entwicklungspsychologie ist es auch nicht. Es ist meine Einordnung vom Platz aus, und dein Kind kann eine Stufe früher oder später dran sein.
Wo es aufhört, eine Erziehungsfrage zu sein
Bei Grenzverletzungen gilt der Kinderschutz des Verbands, und dann geht man nicht mehr den kurzen Dienstweg. Dann gilt auch nicht mehr, was der Leitfaden zum Ehrenamt sagt. Was eine Grenzverletzung ist, lege ich hier nicht fest. Dafür gibt es benannte Stellen, und die stehen hier.
In Hessen ist das die Anlaufstelle Kindeswohl des Hessischen Fußball-Verbands, mit einem Referenten, den man anrufen kann, und dahinter das Beratungsteam der Sportjugend Hessen und des Landessportbunds, das nach eigener Angabe auch anonym berät und an Fachberatungsstellen weitervermittelt. Telefonnummer und Adresse stehen auf der Verbandsseite, die oben verlinkt ist.
Welche Stelle in deinem Landesverband zuständig ist, listet der DFB auf seiner Seite Kinder- und Jugendschutz, je Verband mit Namen und E-Mail-Adresse, abgerufen am 19.09.2026. Für den Amateurfußball sind die Landesverbände zuständig, so steht es dort. Wer nicht über den Verband gehen will, ruft die unabhängige Ansprechstelle Safe Sport an: 0800 11 222 00, montags, mittwochs und freitags von 10 bis 12 Uhr, donnerstags von 15 bis 17 Uhr (Stand 19.09.2026).
Und wenn dein Kind nach allem nicht mehr hin will, ist das Kapitel 13 des Elternleitfadens: Mein Kind will nicht mehr zum Fußball.
Häufige Fragen
Ist es normal, dass der Kindertrainer schreit?
Laut ist ein Training mit vierzehn Kindern auf einem halben Platz immer, und eine Ansage über dreißig Meter ist Rufen. Die Grenze liegt woanders: wenn ein Kind vor der Gruppe bloßgestellt wird, einzelne Kinder abwertend angesprochen werden, Strafrunden verteilt werden oder Kinder nach dem Training nicht mehr hingehen wollen.
Soll ich den Trainer direkt ansprechen, wenn er mein Kind anschreit?
Nicht als Erstes und nicht am Spieltag. Erst zweimal hinsehen, einmal davon im Training. Dann jemanden vorschicken, den Jugendleiter oder eine zweite Person aus dem Verein, oder selbst näher heran als Betreuer oder Fahrdienst. Das Gespräch unter vier Augen kommt danach, mit einer Beobachtung und einer Frage, nicht mit einem Urteil.
An wen wende ich mich bei einer Grenzverletzung durch den Trainer?
An den Kinderschutz des Landesverbands, nicht an den kurzen Dienstweg im Verein. In Hessen ist das die Anlaufstelle Kindeswohl des Hessischen Fußball-Verbands; welche Stelle in deinem Verband zuständig ist, listet der DFB auf seiner Seite zum Kinder- und Jugendschutz. Wer nicht über den Verband gehen will, ruft die unabhängige Ansprechstelle Safe Sport an.
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