Warum machst du das? Die Frage vor der ersten Einheit
Für mein Kind, für die Gruppe, für mich: meistens alle drei. Welcher Grund führt, merkst du am Samstag bei 0:2 an vier Stellen, und dafür legst du dir vorher drei Zeilen zurecht.
7 Min. Lesezeitvon Patrick Schneider
„Warum bin ich Kindertrainer, und was will ich erreichen?“ Meistens aus drei Gründen auf einmal: für mein Kind, für die Gruppe, für mich. Welcher davon führt, zeigt sich nicht am Dienstag, sondern am Samstag bei 0:2, und zwar an vier Stellen, die du vorher kennen kannst.
Das ist die lange Fassung von Kapitel 01 aus meinem Leitfaden für Elterntrainer. Dort stehen die drei Gründe und die vier Stellen in je einem Satz. Hier steht, was an den vier Stellen passiert und wie du dir vorher etwas zurechtlegst.
Warum du dir die Antwort einmal gibst
Die Frage klingt nach Selbstfindung. Gemeint ist etwas Praktisches: Es hilft, sich die Antwort einmal selbst zu geben und daraus so etwas wie einen Leitstern zu machen. Im Alltag brauchst du ihn kaum. Am Dienstag geht es um Hütchen, Bälle, die Frage, ob alle ihre Flasche dabeihaben und ob der Platz überhaupt frei ist, und da ist jeder für den Spaß.
Aber immer wenn es knifflig wird und anstrengend, ist es gut zu wissen, was man eigentlich wollte. Und knifflig wird es nicht im Training. Es wird knifflig, wenn ein Ergebnis dasteht, Zuschauer danebenstehen und beides an dir zieht.
Drei Gründe, meistens alle auf einmal
Für mein Kind: Man will dabei sein, man will, dass es gut läuft, und man hat mehr Einfluss darauf als jeder andere Elternteil. Das ist der Grund, der am seltensten ausgesprochen wird.
Für die Gruppe: weil sonst niemand zugesagt hat und vierzehn Kinder sonst nicht spielen. Das ist der Grund, den man beim Elternabend nennt, und oft stimmt er auch.
Für mich: weil es Spaß macht, weil man selbst gespielt hat, weil man etwas zurückgeben will. Oder weil man gewinnen will. Auch das Motiv gibt es, und es ist nicht das schlechteste, solange man weiß, dass man es hat. Keiner der drei Gründe ist ein schlechter. Ein Problem wird erst daraus, wenn man einen davon nicht zugibt, weil man dann nicht gegensteuern kann.
Wo sich das Motiv verrät: Aufstellung und Einsatzzeiten
Die erste Stelle ist die Aufstellung, sobald ein Spiel kippt. Es steht 0:2, alle Kinder sind down, die Eltern werden nervös. Wer bleibt jetzt draußen?
Wenn der Grund „für die Gruppe“ führt, spielt das Kind, das dran ist. Wenn das Gewinnen führt, spielt das Kind, das den Ball halten kann, und das schwächere bleibt draußen, drei Abschnitte lang, und auf der Rückfahrt fällt dir auf, dass das nicht der Plan war, den du am Freitagabend auf den Zettel geschrieben hast. Ich versuche, nur mit einem Auswechselspieler anzureisen. Dann gibt es am Samstag wenig zu entscheiden.
Wo sich das Motiv verrät: der Ton bei Rückstand
Die zweite Stelle ist der Ton. Ob du lauter wirst, und vor allem: gegenüber wem. Und nicht nur bei dir. Bei Rückstand fangen die Kinder an, sich gegenseitig anzumotzen, die stärkeren über die schwächeren. Was du dann tust, zeigt dein Motiv deutlicher als jede Antwort beim Elternabend.
Der Regelkatalog gilt am Samstag unverändert, für die Kinder und für dich. Wenn du dich nach dem Spiel bei einem Kind entschuldigen musst, war es dein Fehler, und dann entschuldigst du dich auch, vor der Gruppe. Kinder hören übrigens früher, dass der Ton enger wird, als dass er lauter wird. Das ist eine Beobachtung vom Platz. Belegen kann ich sie nicht.
Wo sich das Motiv verrät: das eigene Kind
Die dritte Stelle ist das eigene Kind. Bekommt es mehr als die anderen oder weniger? Beides kommt vor, und beides aus demselben Grund. Wer es für sein Kind macht, stellt es auf. Wer das nicht zugeben will, stellt es demonstrativ nicht auf, und das Kind bezahlt für die Frage, die der Vater sich nicht gestellt hat.
Ich weiß, wovon ich rede: Ich bin nicht nur Trainer-Papa, ich bin auch Trainer-Mann mit einer sehr kompetitiven Frau. Das kommt in den besten Familien vor, und bei uns auch. Was daraus folgt, steht schon im Regelkatalog: Er gilt für alle gleich, auch für mein Kind, und bei diesem einen Kind sehen die anderen dreizehn am genauesten hin.
Ich habe auch die andere Seite erlebt: zwei Trainer, ein Betreuer, dazu der beste Freund eines Trainerkinds, und schon sind vier von fünf Kaderplätzen belegt, bevor jemand aufgestellt hat. Das sagt nichts über Kindertrainer im Allgemeinen. Es erklärt nur manche Aufstellung besser als jede Leistungsfrage.
Wo sich das Motiv verrät: wer schuld ist
Die vierte Stelle ist die Schuldfrage nach der Niederlage. Nach Niederlagen werden Schuldige gesucht, und die Eltern reden auf die Kinder ein. Wie gehst du damit um?
Wer als Erstes sagt, die Kinder hätten heute einfach nicht gewollt, hat die Frage dieses Artikels noch offen. Der Satz aus Kapitel 03 gilt am Samstag genauso wie am Dienstag: Wenn etwas nicht funktioniert, ist die erste Frage nicht, was mit den Kindern los ist, sondern was du aufgebaut hast. Am Samstag ist er nur schwerer, weil ein Ergebnis danebensteht.
Der Satz aus dem Elternleitfaden, der für dich doppelt gilt
Im Elternleitfaden steht, dass der Ehrgeiz am Spielfeldrand häufiger der der Eltern ist als der des Kindes. Für dich gilt das doppelt. Die Eltern am Rand rufen etwas hinein, und das war es. Du stellst auf, du wechselst, du redest in der Pause. Dein Ehrgeiz hat Folgen, die man in der Tabelle mit den Kreuzen nachzählen kann. Was am Rand hilft und was schadet, steht in Kapitel 10 des Elternleitfadens, und den Absatz dort über die Eltern liest du am besten einmal als Trainer.
Die Situation, die niemand auf dem Radar hat
Dein Kind hört auf. Die Mannschaft bleibt noch ein halbes Jahr, weil die Saison läuft und der Verein niemanden hat. Wenn dein einziger Grund das eigene Kind war, fehlt dir ab diesem Monat der Grund, am Dienstag um fünf auf dem Platz zu stehen. Mit einem zweiten Grund stehst du trotzdem da.
Der Fall kommt vor, und er steht in keiner Vereinssatzung. Wer die Frage oben für sich beantwortet, beantwortet sie am besten mit diesem Fall im Kopf.
Deine Leitlinien: drei Zeilen, keine Rede
Ich habe mir vorgenommen, mit den Kindern maximal Spaß zu haben, eine ganze Gruppe zu entwickeln und mit einer positiven Einstellung voranzugehen. Egal wem gegenüber: Eltern, Kinder, Gegner, der gegnerische Trainer. In den schwierigen Situationen bewährt es sich dann halt, diese Leitlinien zu haben. Und sie den Eltern vorher mitzuteilen, am besten am ersten Elternabend, bevor die erste Aufstellung kommentiert wird.
Deine eigenen müssen nicht feierlich sein. Sie sollen auf die vier Stellen oben passen und in die wasserfeste Mappe. Drei Zeilen reichen:
| Zeile | Was hineingehört |
|---|---|
| Mein Grund | Einer der drei von oben, oder alle drei in der Reihenfolge, in der sie bei dir stehen |
| Meine Regel für mein eigenes Kind | Ein Satz, den du am Samstag bei 0:2 einhalten kannst. Zum Beispiel: dieselben Regeln, dieselben Minuten wie für alle anderen |
| Mein erster Satz nach einer Niederlage | Der Satz, den du den Kindern sagst, bevor die Eltern etwas sagen. Er darf kurz sein, er darf schwer sein, er soll nicht nach Schuld suchen |
Eine Altersstaffel gibt es in diesem Artikel nicht. Das Motiv ist deins. Es ändert sich nicht, wenn die Mannschaft von der G- in die F-Jugend wechselt, und auch nicht, wenn aus den vierzehn Kindern nach zwei Jahren neun geworden sind oder zwanzig.
Die Frage wird nicht einmal beantwortet. Nach der ersten Niederlagenserie stellt sie sich neu, und dann beantwortest du sie noch einmal, bevor du etwas entscheidest. Wie das aussieht, steht im Spieltag als Trainer. Was dich die Sache an Zeit kostet, ist das nächste Kapitel: Was auf dich zukommt.
Keine Regel- und keine Zahlenangabe in diesem Text. Alles hier ist Beobachtung und eigene Praxis aus Patricks F-Jugend im Vordertaunus. Der Satz zum Ehrgeiz am Spielfeldrand stammt aus dem Elternleitfaden und ist eine Einschätzung, keine Zahl.
Häufige Fragen
Ist es ein schlechter Grund, Trainer zu werden, weil das eigene Kind in der Mannschaft spielt?
Nein. Ohne diesen Grund gäbe es meine Mannschaft nicht, und ich glaube, viele andere auch nicht. Ein Problem wird daraus erst, wenn du es dir nicht zugibst, weil du dann am Samstag nicht gegensteuern kannst. Wer weiß, dass er es für sein Kind macht, kann sich vorher eine Regel für sein Kind aufschreiben. Wer es nicht weiß, merkt es erst an der Aufstellung.
Darf ein Kindertrainer gewinnen wollen?
Ja. Das Motiv gibt es, und es ist nicht das schlechteste, solange du weißt, dass du es hast. Schwierig wird es, wenn es bei Rückstand die Aufstellung übernimmt: Dann bleiben die schwächeren Kinder draußen, und das war nicht dein Plan vom Freitagabend.
Was schreibe ich mir vor der Saison auf?
Drei Zeilen: mein Grund, meine Regel für mein eigenes Kind, mein erster Satz nach einer Niederlage. Das passt auf einen Zettel in der Mappe. Am Dienstag brauchst du ihn nie, am Samstag bei 0:2 schon.
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