Verein oder Bolzplatz: was das Training nicht kann
Der Verein hat die Gruppe, den Platz und die Spieltage. Die Ballkontakte hat der Hof. Was beides leistet, was keins von beiden kann und wie Bolzen heute noch zustande kommt.
8 Min. Lesezeitvon Patrick Schneider
„Muss es der Fußballverein sein?“ Nein. Wenn es nicht passt, dann passt es nicht, und dann schafft man mit seinem Kind eigene Termine. Nur ist die Frage keine Entweder-oder-Frage: Der Verein hat die Mitspieler, den Platz und die Spieltage, der Hinterhof hat die hunderte Ballkontakte, und die Kinder, die auf dem Platz herausstechen, haben immer beides.
Das hier ist Kapitel 03 des Elternleitfadens in lang.
Was der Verein leistet
Feste Zeiten, mit denen die Woche steht. Eine Gruppe, die auch dann noch da ist, wenn ein Kind zwei Wochen fehlt. Jemanden, der etwas erklärt und der beim nächsten Mal weiß, was letztes Mal war. Spieltage, an denen es einmal ernst aussieht, ohne es zu sein. Und einen Versicherungsschutz, über den in Kapitel 05 des Leitfadens mehr steht, bei Anmeldung, Beitrag und Spielerpass.
Und den Platz. Einen Rasen, auf dem der Ball rollt und nicht springt. Minitore in der Größe, die zu Sechsjährigen passt, große Tore mit Netz für die, die davon träumen, Hütchen, Leibchen und genug Bälle, dass nicht zwei Kinder auf einen warten. Für ein Kind ist der Unterschied zwischen einem echten Tor mit Netz und zwei hingeworfenen Rucksäcken größer, als man vermutet.
Es ist doch bequem: Es gibt zwei Nachmittage in der Woche, an denen dein Kind versorgt ist und du nichts organisieren musst. Das ist in meinen Augen kein schlechter Grund.
Was das freie Spiel leistet
Mehr Ballkontakte je Stunde, weil niemand wartet. Im Hof steht kein Kind in einer Reihe, bis es dran ist, und keines hört einer Ansage zu. Je kleiner die Form, desto öfter ist jedes Kind am Ball, und 2 gegen 2 zwischen vier Hütchen ist die kleinste Form, die es gibt. Der Verband will mit seinen neuen Spielformen dasselbe: jedes Kind so oft wie möglich am Ball, so steht es beim DFB (abgerufen am 28.08.2026). Der Verein entwickelt sich damit selbst in Richtung Bolzplatz, nur ist das noch nicht überall angekommen.
Und mehr Platz zum Ausprobieren. Ein Kind, das testet, ob es den Ball mit dem Außenrist um die Mülltonne bekommt, macht das nicht, wenn jemand zusieht und es hinterher bespricht. Es macht es, wenn niemand da ist. Die Regeln machen die Kinder selbst, und Schluss ist, wenn sie keine Lust mehr haben.
Ein Tor brauchst du dafür nicht. Ist aber natürlich cool.
Was der Verein nicht kann
Zwei Einheiten in der Woche, zwei Trainer, sechzehn Kinder, so ist es bei uns. Dort werden Übungen gemacht und Spiele, Schnürsenkel gebunden und Streit geschlichtet. Wer besser werden will, wird dort nicht sofort und vor allem nicht schnell besser.
Bundesliga- und Nationalspieler werden nicht in zwei Einheiten pro Woche ausgebildet. Die richtig guten Jugendspieler, die ich kenne, spielen sieben- bis neunmal die Woche, unter den verschiedensten Bedingungen, und davon zwei- bis dreimal im Verein. Das ist meine Beobachtung.
Woran ich es am Samstag sehe
Man merkt es im Spiel, welche Mannschaft Kinder hat, die nachmittags noch draußen kicken. Sie setzen sich gegen Ältere durch, sie erkennen sofort, wer mit dem Ellenbogen spielt, und sie halten dagegen. Ich glaube, diese Kinder sind eine ganz andere Härte gewohnt. Das lernt kein Kind im Training, weil im Training jemand dazwischengeht.
Wir wohnen in der Nähe von Frankfurt, und immer, wenn wir gegen Frankfurter Mannschaften spielen, merke ich, dass diese Kinder gewohnt sind, sich gegen ihre älteren Brüder und Nachbarn durchzusetzen. Unsere Vorortkinder haben gar nicht die Gelegenheit dazu, da wir die Altersgruppen immer alle brav einteilen.
Und ich vermute, dass der Bolzplatz der Grund für mehrere Fußball-Weltmeisterschaften in Deutschland ist und nicht die Vereine.
Warum Bolzen heute nicht von allein entsteht
Ich habe selbst noch auf der Straße gespielt, auf dem Schulhof nach der Schule, an der Bushaltestelle, mit Tennisbällen, kleinen Fußbällen, großen Fußbällen. Das war der Normalfall, aber das hat sich geändert.
Wie sehr, dazu gibt es eine Zahl, und nur diese eine steht hier: In der MoMo-Studie des Karlsruher Instituts für Technologie ist die Zeit für unorganisierten Sport bei 4- bis 17-Jährigen zwischen 2003 und 2020 von rund 83 auf rund 49 Minuten je Woche gefallen (Fact Sheet, abgerufen am 19.09.2026). Drei Dinge dazu. Die Zahl gilt für alle Altersstufen zusammen, von vier bis siebzehn, für Grundschulkinder allein gibt es dort keine. Sie stammt aus Fragebögen. Und das Blatt trägt kein Datum.
Freies Spiel entsteht deshalb heute selten von allein. Der Bolzplatz, den du im Kopf hast, ist oft nicht mehr da, oder er steht leer, weil niemand allein hingeht und niemand da ist, zu dem man dazukommen könnte. Die Kinder, die draußen sind, müssen verabredet werden, wie zu einem Spieldate.
Wir haben hier einen Bolzplatz neben der Schule und der ist in der Regel aber leer.
Wie du es anstößt
Was du dagegen tun kannst, ist, die Spiele selbst anzustoßen. Bei uns läuft das über eine WhatsApp-Gruppe unter den Eltern der Mannschaft: Jemand schreibt, wann er mit seinem Kind wo ist, und wer kommt, kommt. Zwei bis vier Kinder reichen. Wer auf die ganze Mannschaft wartet, wartet lange. Vier Hütchen oder zwei Jacken, ein Ball, den Rest machen die Kinder. Wer das zweimal angestoßen hat, muss es beim dritten Mal nicht mehr.
- Zwei bis vier Kinder auf ähnlichem Stand.
- Ein Ort: Schulhof, Hof, Garten, die Wiese hinterm Haus.
- Ein fester Termin, und er steht im Elternchat.
- Ein Ball, vier Hütchen oder zwei Jacken.
- Du stößt an, die ersten zwei Male.
Keine Übungsform, kein Ablauf. Das Spiel machen die Kinder.
Was freies Spiel mit vier ist und mit zehn
Zwischen vier und zehn ist freies Spiel viermal eine andere Sache. Der Unterschied liegt darin, wer dabei sein muss, mit wem gespielt wird und ob der Verein auf dieser Stufe überhaupt eine Alternative ist.
| Stufe | Was freies Spiel hier ist | Wer dabei ist | Was der Verein hier ist |
|---|---|---|---|
| 3–4 Jahre (vor G) · der Ball ist eines von vielen Dingen | Kein Bolzen. Ein Ball, der im Flur liegt: treten, hinterherlaufen, liegen lassen. Die Frage „Verein oder Bolzplatz“ stellt sich noch nicht | Ein Erwachsener, der mitspielt. Allein hört es nach zwei Minuten auf | Ein Angebot des Vereins ohne Spielbetrieb (Minikicker, Fußballkindergarten), keine Altersklasse des Verbands. Wer hier nicht in den Verein geht, verpasst nichts, was der Verband vorsieht |
| 5–6 Jahre · G · will den Ball, diesen, jetzt | Hof, Garten, Wand. 1 gegen 1 gegen Vater, Mutter oder Geschwister. Zwei Jacken, ein Gegner | Ein Gegenüber aus der Familie. Ein anderes Kind geht, wenn es dieselbe Sache will, und auf dieser Stufe will jedes Kind den Ball selbst | Bambini-Training und Spielfeste, 2 gegen 2 und 3 gegen 3. Der Verein ist hier zum ersten Mal die Gruppe, die es zu Hause nicht gibt |
| 7–8 Jahre · F · sieht einen Anspielpunkt | Das erste Bolzen: Schulhof in der Pause, Hof nach der Schule, ein verabredetes Kind. 2 gegen 2, Tore aus Hütchen | Ein anderes Kind auf ähnlichem Stand. Der Erwachsene stößt an und hält sich dann heraus. Auf dieser Stufe kommt die Verabredung von den Eltern | Zwei Einheiten, Spielfeste. Hier wird zum ersten Mal sichtbar, was der Verein nicht kann: Das Kind will mehr Ball, als zweimal die Woche hergibt |
| 9–10 Jahre · E · wählt aus und will das Ergebnis | Der Bolzplatz, wie man ihn im Kopf hat: 3 gegen 3, das Kind verabredet sich selbst, zählt mit, will wissen, wer gewonnen hat | Andere Kinder. Niemand aus der Familie: Auf dieser Stufe ist der Erwachsene, der mitspielt, das Ende des Spiels | Der Ligabetrieb beginnt, das Training wird ernster. Der Bolzplatz ist jetzt der Ort, an dem das Kind spielt, was es im Verein übt |
Wenn kein Verein passt
Wenn du ohne Verein anfängst, weil die Warteliste lang ist, weil das Kind Gruppen schlecht verträgt oder weil der Termin nicht geht, fehlen deinem Kind drei Dinge: die Mitspieler, der Platz und die Spieltage. Das Spiel selbst fehlt ihm nicht.
Der Termin, der Ball und das Gegenüber lassen sich ersetzen, mit dem, was zwei Abschnitte weiter oben steht. Die Gruppe, die auch nach zwei Wochen Fehlen noch da ist, lässt sich nicht ersetzen, und das Spielfest, an dem es einmal ernst aussieht, auch nicht. Wenn es später doch der Verein wird, funktioniert der Anschluss auch mit acht. Warum, steht in Die Altersstufen im Kinderfußball.
Wenn dein Kind nur im Verein spielt
Es gibt Kinder, die zwischen zwei Trainings keinen Ball anfassen und zufrieden sind. Das ist der Normalfall. Wer bei diesem Kind Spieldates organisiert, bearbeitet ein Problem, das nur die Eltern haben.
Das Kind, das nicht vom Ball zu trennen ist, braucht den Hof. Wer wegen der Freunde hingeht, hat im Verein schon, was er braucht.
Jeder Ballkontakt zählt
Ich halte es zu Hause so einfach wie möglich: Jeder Ballkontakt zählt, und es ist gleich, wie er zustande kommt. Mein Sohn spielt unheimlich gern Fußball, findet Torwartsein aber genauso toll. Also schieße ich, er fängt und kickt zurück. Wenn ein Kind lieber dribbelt, stellt man kleine Hütchen in den Flur und lässt es hin und her dribbeln.
Wenn es der Verein wird, ist die nächste Frage, welcher, und woran du ihn in zwanzig Minuten Schnuppertraining erkennst: Den richtigen Verein finden.
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