Trainingsphilosophie Deutschland: was Eltern am Platz sehen
Freude, Intensität, Wiederholung, mehrere Felder: die vier Sätze des DFB-Konzepts und woran du am Rand erkennst, ob euer Training danach läuft.
9 Min. Lesezeitvon Patrick Schneider
„Warum trainieren die so? Als ich klein war, standen wir in einer Reihe und haben aufs Tor geschossen. Jetzt laufen drei kleine Spiele nebeneinander, und der Trainer sagt fast nichts. Macht der das richtig?“ Hinter dem Dienstagabend steht eine Schrift des DFB, die Trainingsphilosophie Deutschland, und sie läuft auf vier Dinge hinaus: Freude, Intensität, Wiederholung, mehrere Felder gleichzeitig. Zu jedem gibt es eine Sache, die du vom Rand aus prüfen kannst. Wenn du sie nicht siehst, steht euer Trainer meistens allein mit vierzehn Kindern da.
Die Schrift hat 70 Seiten, liegt kostenlos als PDF im Netz, und die Verantwortung dafür trägt Hannes Wolf, beim DFB Direktor für Nachwuchs, Training und Entwicklung. Was auf den 70 Seiten steht, erzähle ich hier nicht nach. Ich sage, worauf es hinausläuft und woran du es erkennst, ohne selbst Trainer zu sein. Das ist Kapitel 09 des Elternleitfadens in lang.
Was der DFB damit will
Der Verband nennt auf Seite 6 zwei Gründe. Den ersten kannst du überspringen: Zu wenige deutsche U21-Spieler bekommen in den Profiligen Einsatzzeit, und der DFB sieht die Ursache in der Ausbildung. Der zweite ist der Grund, warum dieser Text für dich da ist. Die „Dropout-Quote“ sei zu hoch: „Viele junge Spielerinnen und Spieler hören bereits ab dem D-Junioren-Alter wieder mit dem Fußballspielen auf.“ Der Verband will, dass sie „erst frühestens im Alter von 35 Jahren ans Aufhören denken“.
Wie viele nach der D-Jugend aufhören, ist nirgends sauber beziffert, dazu mehr in Kapitel 13 des Leitfadens. Sichtbar ist der Schwund trotzdem. 2006 gab es im DFB 19.112 Mannschaften bei den A- und B-Junioren, am 1. Oktober 2025 waren es 13.597, und bei den Jahrgängen bis vierzehn sind es im selben Zeitraum mehr geworden (DFB-Mitgliederstatistik 2006, DFB-Statistik 2026). Die 29 Prozent weniger sind unsere Rechnung aus beiden Zahlen, der DFB nennt sie so nicht.
Die Schrift sagt außerdem, ihre Spielformen orientieren sich „an der freien Spielwelt der Kinder und Jugendlichen sowie am früheren Straßenfußball“ (Seite 39). Dass es den Straßenfußball kaum noch gibt, weil es kaum noch Bolzplätze gibt, ist meine Beobachtung und nicht die des Verbands. Vier Tore, kleine Mannschaften, kurze Spiele, wenig Ansage: Das ist der Hinterhof, in den Verein geholt. Was der Verein dabei kann und was der Hof, steht unter Verein oder Bolzplatz.
Wie das Konzept bei deinem Verein ankommt
Der Weg ist länger, als man denkt. Zuerst beschreibt der DFB, wie ausgebildet werden soll. Die Landesverbände übersetzen das in ihre Durchführungsbestimmungen und in die Inhalte ihrer Schulungen. Dort sitzt irgendwann der Vater, der eure Mannschaft übernommen hat, für ein Wochenende oder ein paar Abende. Und dann steht er am Dienstag mit vierzehn Kindern auf einem halben Platz.
Die Schrift meint ihn ausdrücklich. Die „Bildungsoffensive“ des DFB richtet sich „von den ‚Mamas und Papas‘ an der Basis bis zu den hauptberuflichen Trainerinnen und Trainern“ (Seite 6). Ich glaube, dass an jeder Station etwas verloren geht. Was dein Landesverband aus der Schrift in seine Kurzschulung nimmt, habe ich nicht nachgesehen.
Die vier Sätze, und woran du sie am Rand erkennst
Freude. Gespielt wird auf Tore, jedes Spiel fängt bei 0:0 an, und die Kinder entscheiden viel selbst. So steht es auf Seite 8. Woran du es erkennst: Es wird gejubelt, von mehr als zwei Kindern.
Intensität. Viel Nettospielzeit, keine Standzeiten. Der Verband nennt dafür eine Zahl: mindestens 48 Minuten je Woche, die ein einzelnes Kind wirklich im Spiel ist, von der U8 bis zur U16 (Seite 8). Das ist die Zeit des Kindes, nicht die Länge der Einheit. Woran du es erkennst: Es steht keine Schlange. Wenn dein Kind wartet, während ein anderes dribbelt, ist das gemeint.
Wiederholung. Besser werden Kinder über viele Aktionen. Der DFB rechnet auf Seite 9 vor, dass in einer Einheit mit 3-gegen-3-Formen rund 200 Ballaktionen je Kind zusammenkommen und in einer mit 7 gegen 7 rund 50. Die Tabelle nennt keine Erhebung dahinter, es ist die Rechnung des Verbands. Woran du es erkennst: Zähl zehn Minuten lang mit, wie oft dein Kind den Ball berührt. Weniger als fünfmal halte ich für zu wenig, das ist meine Faustzahl und keine Verbandsangabe, und es liegt dann nicht an deinem Kind.
Mehrere Felder gleichzeitig. Das ist die Bedingung für die anderen drei und von außen das Ungewohnteste. Die Schrift nennt es „den Schlüssel“ (Seite 8); ohne mehrere Felder ist die Nettospielzeit nicht zu erreichen. Woran du es erkennst: Es laufen zwei oder drei kleine Spiele nebeneinander statt eines großen, und der Trainer steht daneben, statt zu rufen.
Was daraus für den Trainer folgt, wie eine Einheit aufgebaut ist und was er am Dienstag aufbaut, steht in Kapitel 05 des Trainerleitfadens, in der langen Fassung: Trainingsphilosophie Deutschland: was der DFB dir für den Dienstag sagt.
Die Prüftabelle
Die dritte Spalte sagt, was fehlt: Tore, Bälle, kleine Formen, ein zweiter Erwachsener. Wer versagt, steht da nicht drin.
| Der Satz des Verbands | Woran du ihn am Rand erkennst | Was fehlt, wenn du ihn nicht siehst |
|---|---|---|
| Freude: auf Tore, jedes Spiel bei 0:0, die Kinder entscheiden | Es wird gejubelt, von mehr als zwei Kindern | Tore. Wo auf Hütchen oder gar nicht auf Tore gespielt wird, jubelt niemand |
| Intensität: viel Nettospielzeit, mindestens 48 Minuten je Woche und Kind ab der U8 | Es steht keine Schlange | Felder und Bälle. Eine Schlange entsteht, wenn zwölf Kinder auf ein Tor und einen Ball warten |
| Wiederholung: viele Aktionen je Kind | Zehn Minuten mitzählen, wie oft dein Kind am Ball ist | Kleine Formen. Im 7 gegen 7 hat ein Kind nach der Rechnung des DFB ein Viertel der Aktionen eines 3 gegen 3 |
| Mehrere Felder gleichzeitig | Zwei oder drei kleine Spiele nebeneinander, der Trainer daneben | Der zweite Erwachsene. Ein Trainer allein baut zwei Felder auf, keine vier |
Wenn du das nicht siehst
Dann macht euer Trainer deshalb noch nichts falsch. Meistens heißt es, dass er allein mit vierzehn Kindern dasteht und niemand mit aufbaut. Die Schrift selbst will den zweiten Erwachsenen haben: Eltern im Training, als Spielfeldbegleiter, bei den Bambini einer je vier Kinder, bei den F-Junioren einer je sechs (Seite 11). Ein Trainer allein mit zwölf Bambini kann die Vorgabe nicht erfüllen, egal wie gut seine Schulung war.
Das ist die Stelle, an der du etwas ändern kannst und der Verband nicht. Was ein Spielfeldbegleiter tut und wer es machen kann, steht unter Spielfeldbegleiter.
Was die Schrift je Alter vorgibt
Die Schrift staffelt selbst nach Altersklassen, an drei Stellen: bei der größten erlaubten Spielform, beim Betreuungsschlüssel und bei der Nettospielzeit. Unterhalb der Bambini kennt sie nichts.
| Alter | Was die Schrift vorgibt | Woran du es am Rand siehst |
|---|---|---|
| 3–4 Jahre (vor G) | Nichts. Die Schrift kennt keine Stufe unter den Bambini, und die 48 Minuten beginnen bei der U8. Was Vereine hier anbieten, ist ein Vereinsangebot ohne Verbandsvorgabe | Es gibt keinen Maßstab des Verbands, nur den aus Kapitel 04 des Leitfadens: Hat jedes Kind einen Ball, und steht niemand an |
| 5–6 Jahre (G, Bambini) | Spielformen höchstens 2 gegen 2, ein Spielfeldbegleiter je vier Kinder, „besonders viele Felder“ (Seite 11). Die 48 Minuten gelten formal erst ab U8 | Vier Kinder je Feld, viele kleine Felder, Erwachsene am Feld statt am Rand. Ein Trainer allein mit zwölf Bambini kann das nicht erfüllen |
| 7–8 Jahre (F) | Spielformen höchstens 3 plus Torwart gegen 3 plus Torwart, ein Begleiter je sechs Kinder, mindestens 48 Minuten netto je Woche und Kind | Sechs bis acht Kinder je Feld, keine Schlange, Wechsel nach kurzer Zeit. Hier trägt das Mitzählen am besten |
| 9–10 Jahre (E) | Spielformen höchstens 4 plus Torwart gegen 4 plus Torwart, 48 Minuten, Felder „nach dem Entwicklungsstand der Spieler“ einteilen, nicht nach Jahrgang (Seite 11) | Gruppen nach Stärke statt nach Geburtsjahr, und ein Kind darf bei den Jüngeren oder Älteren mitspielen |
Bei den Drei- und Vierjährigen steht also nichts, und ich erfinde auch nichts. Bei den Bambini ist die Rechnung einfach: zwölf Kinder, höchstens 2 gegen 2, macht drei Felder und drei Erwachsene. Bei den F-Junioren darf die Form wachsen, und das Mitzählen wird zur besten Prüfung. Bei den E-Junioren kommt etwas dazu, das Eltern selten erwarten: Die Schrift will die Felder danach einteilen, wie weit ein Kind ist, weil das biologische Alter vom kalendarischen um bis zu fünf Jahre abweichen kann. Dein Kind spielt dann vielleicht mit Jüngeren, und das ist so gewollt. Was das für die Frage nach dem Talent heißt, ist Kapitel 14 des Leitfadens.
Für neugierige Eltern
Das PDF ist oben verlinkt. Seit dem 22. August 2026 gibt es die Schrift außerdem als kostenlosen Online-Kurs, sechzehn Kapitel, rund eine Stunde, ein mein.DFB-Konto genügt. Der Kurs ist für Trainer gemacht, aber niemand hindert Eltern daran. Was das Zertifikat am Ende wert ist und wofür der Kurs nicht reicht, steht unter Das kostenlose E-Learning des DFB.
Warum es so etwas überhaupt gibt
Über zwei Millionen Kinder und Jugendliche spielen in Deutschland Fußball, so steht es auf Seite 5 der Schrift. Ein Verband mit so vielen Kindern kann nicht jeden Trainer ausbilden. Was er kann, ist beschreiben, worauf es ankommt, und diese Beschreibung so einfach halten, dass sie an einem Schulungswochenende ankommt.
Deshalb ist die Schrift kürzer und gröber, als man erwartet. Sie sagt, was in einem Alter im Vordergrund steht und was warten kann. Welche Übung am Dienstag drankommt, muss der Trainer selbst wissen. Ein Datum, ab dem sie gilt, nennt sie übrigens nicht: Die archivierte Fassung ist vom 14. Oktober 2024, und einen Beschluss dazu habe ich nicht gefunden.
Wenn du beim eigenen Training die vier Sätze nicht siehst und wissen willst, was das für die Kinder heißt, ist das Kapitel 08 des Leitfadens: Funino: was Eltern am Spielfeldrand sehen. Und wie so eine Einheit in der F-Jugend konkret aussieht, mit Kapitänen und Bananen, steht unter F-Jugendtraining: was Eltern wissen sollten.
Häufige Fragen
Was ist die Trainingsphilosophie Deutschland?
Eine Schrift des DFB von 70 Seiten, kostenlos als PDF, Gesamtverantwortung Hannes Wolf, Direktor Nachwuchs, Training und Entwicklung. Sie sagt, wie im Kinder- und Jugendfußball trainiert werden soll: in kleinen Spielformen vom 1 gegen 1 bis zum 4 gegen 4, auf mehreren Feldern gleichzeitig, mit mindestens 48 Minuten Nettospielzeit je Woche und Kind ab der U8.
Seit wann gilt die Trainingsphilosophie Deutschland?
Die Fassung, die wir archiviert haben, trägt das Datum 14. Oktober 2024. Ein Beschluss, ab dem sie verbindlich gilt, ist nicht auffindbar, und die Schrift selbst nennt keinen. Sie ist eine Empfehlung an alle Trainer, keine Ordnung wie die Jugendordnung; was im Spielbetrieb verbindlich ist, steht dort.
Kann ich als Elternteil den DFB-Kurs dazu machen?
Ja. Der Online-Kurs zur Trainingsphilosophie ist kostenlos, dauert rund eine Stunde, und die einzige Voraussetzung ist ein mein.DFB-Konto. Er ist für Trainer gemacht, aber niemand fragt beim Anmelden, ob du eine Mannschaft hast.
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