Zum Inhalt springen
Kinderfußball.de

Entwicklung

Was am Spielfeldrand hilft und was schadet

Anfeuern ja, Anweisen nein: warum dein Zuruf meistens falsch ankommt, welche drei Sätze immer gehen und was du im Auto danach nicht fragst.

9 Min. Lesezeitvon

„Ich stehe an der Linie, mein Kind hat den Ball und tut nichts. Darf ich jetzt was rufen?“ Anfeuern ja, Anweisen nein. Der Unterschied ist, an wen sich der Satz richtet: „Schön gemacht“ geht an das Kind. „Nach links, links, spiel ab“ geht an das Spiel, und das Spiel gehört an diesem Vormittag den Kindern.

Das steht so im Regelwerk des DFB.

Was der Verband dazu sagt

Der DFB führt in seiner Jugendordnung für die G- und F-Jugend allgemeine Spielprinzipien, verbindlich seit der Spielzeit 2024/25, und eines davon heißt: „Coaching und Reize von außen werden minimiert.“ Ein paar Seiten weiter stehen die Fair-Play-Regeln, und die dritte davon gilt dir: „Alle Zuschauer halten mindestens 3 Meter Abstand zum Kleinspielfeld ein, wobei das Großfeld nicht betreten werden soll. Dies gilt insbesondere auch für Familienmitglieder der Spielerinnen und Spieler.“ (DFB-Jugendordnung, Anhang IV, Teil 1, Stand 21.08.2026.)

Bei uns in Hessen steht es noch deutlicher. Die Durchführungsbestimmungen für die G-, F- und E-Junioren (Fassung vom 10.07.2026) sagen zu den Spielfesten: „Die Kinder spielen allein, ohne von Eltern und Trainern angeleitet zu werden. Die Betreuer helfen nur bei Unklarheiten, beim Wechseln, in den Trinkpausen, bei Auf- und Abstieg.“ Berlin zieht die Eltern-Fan-Zone auf fünfzehn Meter (Regelwerk Kinderfußball, Version 1.2 vom 10.02.2026), Sachsen-Anhalt bleibt bei drei. Was bei dir gilt, steht in den Durchführungsbestimmungen deines Landesverbands.

Das hier ist Kapitel 10 des Elternleitfadens. Der Vormittag, an dem das alles stattfindet, mit den Feldern und dem Wechsel nach jedem Tor, steht unter Spielfest. Und was der Trainer am Rand sagen darf, ist seine eigene Hälfte, Kapitel 13 des Trainerleitfadens.

Der Junge am Einwurf

Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass es zum einen schmerzhaft ist, zu sehen, wenn die Kinder einfach nicht wissen, was sie tun sollen mit dem Ball.

Ein Junge steht mit dem Ball an der Außenlinie, muss den Ball einspielen, findet keine Anspielstation und steht dort dann 30 Sekunden, 50 Sekunden und schaut aufs Spielfeld. Alle Eltern und Trainer schauen das Kind an. Alle denken, jetzt müsste er mal losspielen, aber der Junge wartet weiter.

In diesem Moment werden Trainer und Eltern alle sehr hektisch und versuchen dem Kind zu helfen, indem sie ihm zurufen: „Hey, der Lorenz steht frei …“. Das Kind denkt dann nochmal 10 Sekunden drüber nach. Der Gegner läuft Lorenz zu und das Kind passt zu Lorenz. Der Ball wird abgefangen und landet im eigenen Tor.

Zwei Gründe, warum der Zuruf schadet

Erstens ist deine Anweisung meistens falsch, und das ist nicht als Vorwurf gemeint. Du stehst dreißig Meter weg und siehst das Spiel von der Seite. Dein Kind steht mittendrin und sieht etwas anderes. Wenn du „links“ rufst, ist links vielleicht schon zu.

Und selbst wenn links offen ist: Dein Kind hört seinen Namen, dreht den Kopf zu dir und verliert dabei den Ball.

Welches Kind dich am Rand überhaupt hört, hängt auch vom Kind ab. Der Ballverrückte hört dich sowieso nicht, das sensible Kind hört jedes Wort.

Aus meiner eigenen Erfahrung ist ein großes Problem, wenn Eltern und Trainer das Kind tatsächlich an spezielle Positionen auf dem Feld „beordern“. Zum Beispiel „immer geh nach vorne und warte vorne auf den Ball“. Speziell in der G- und F-Jugend schadet das in meinen Augen der Entwicklung der Kinder, da sie nicht am Spiel teilnehmen.

Aushalten ist schwer

Auszuhalten ist das wirklich schwer, und ich behaupte nicht, dass es mich nicht schmerzt. (Auch wenn ich lächle.) Man steht daneben, sieht sechs Kinder hinter einem Ball herlaufen, und nichts davon sieht nach dem Fußball aus, den man selbst im Kopf hat. Trotzdem gilt: An diesem einen Tag rufst du dein Kind nicht zum Erfolg. Das geht im Training, und dort geht es ohne dich.

Am deutlichsten wird es bei den Kindern, die im Spiel ein bisschen wie Falschgeld herumstehen. Deren Eltern ist das sichtlich unangenehm, und dann fangen sie an, von außen zu animieren. Ich sage ihnen dann, dass ich ihr Kind zwei- oder dreimal die Woche trainiere und genau weiß, dass es hier dasselbe spielt wie im Training. Zu ändern ist das im Training und nicht am Samstag. Und dass es schon viel besser geworden ist, stimmt fast immer und wird fast nie gesagt.

Nimm den Druck aus dem Spieltag, dein Kind hat davon mehr als von jedem Zuruf.

Die drei Sätze, die immer gehen

  • „Nächster Ball.“ Nach einem Fehler. Er bewertet nicht und zeigt nach vorn.
  • „Gut hinterher.“ Für etwas, das das Kind selbst in der Hand hat, nämlich den Weg. Nicht für das Ergebnis.
  • „Ja, so.“ Wenn etwas funktioniert hat. Zwei Wörter, und dein Kind weiß, dass du hingesehen hast.

Mehr braucht es nicht. Wenn du dich dabei ertappst, wie du eine vierte Sache rufen willst, ist es bei mir jedes Mal eine Anweisung. Und wenn du merkst, dass du es nicht lassen kannst: Stell dich weiter weg oder auf die andere Seite.

Was die anderen Eltern machen

Sie werden rufen, und einige von ihnen werden Anweisungen rufen. Du wirst niemanden davon abbringen, und der Versuch, es am Spielfeldrand zu tun, endet im Tumult.

Was hilft, ist ausgerechnet, es selbst nicht zu tun. Elterngruppen sind erstaunlich anfällig für Gewohnheit, und wenn drei Leute nur anfeuern, wird es an dieser Linie leiser. Am Wochenende habe ich eine Oma erlebt, die sagte: „Ach, die machen das aber alle ganz toll.“ Das beruhigt auch die anderen. Wenn es nicht leiser wird, ist es ein Thema für den Elternabend und nicht für den Samstag.

Bei den Eltern der eigenen Mannschaft redet irgendwann der Trainer, das gehört zu seiner Arbeit. Schwieriger sind die Eltern der Gegner, die ihre Kinder gewinnen sehen wollen und entsprechend anfeuern. Manchmal hilft es, sie anzusprechen: Wir sind zum Spaß hier, und ihr gewinnt ja sowieso. Manchmal hilft es nicht. Die „klassischen Fußballeltern“, die einen ganzen Tag vergiften, gibt es wirklich, und die einzige Antwort darauf ist, nicht mitzumachen.

Meiner Erfahrung nach wollen wirklich immer alle gern gewinnen. Und wenn es nicht so gut läuft, dann verkrampfen auch immer alle. Das ist Fluch und Segen des Fußballs.

Und wenn das Rufen nicht von den Eltern kommt, sondern vom Trainer, ist das ein anderes Thema: Wenn der Trainer schreit.

Der Schiedsrichter

In der F-Jugend und darunter pfeift niemand, das ist so vorgesehen: „Die Spiele werden ohne Schiedsrichter/Schiedsrichterin ausgetragen. Die Kinder treffen die Entscheidungen auf dem Platz selbst.“ (DFB-Jugendordnung, Anhang IV, Fair-Play-Regel a.) Ob ab der E-Jugend jemand pfeift, entscheidet dein Landesverband. Hessen schreibt für das 6 gegen 6 der E-Junioren, der Einsatz von Schiedsrichtern „kann vorgesehen werden, soweit dies vom zuständigen SR-Ausschuss möglich ist“. Württemberg spielt die E-Jugend „mit Schiedsrichter*in oder nach Fair-Play-Liga-Regel“. Im langen Leitfaden stand hier „ab der E-Jugend steht meistens einer auf dem Platz“. Das trägt für keinen Verband, den wir nachgesehen haben.

Wer dann pfeift, ist oft ein Jugendlicher. Der DFB lässt Schiedsrichter ab zwölf zu, Jung-Schiedsrichter sind die von zwölf bis sechzehn (DFB-Schiedsrichterordnung, § 1 und § 12, Stand 01.06.2025). Oder es ist der Trainer der anderen Mannschaft. Er wird Fehler machen, und einige davon werden offensichtlich sein.

Du sagst dazu nichts. Nicht, weil du unrecht hättest, sondern weil dein Kind zusieht, wie du mit jemandem umgehst, der gerade eine Entscheidung gegen dich getroffen hat. Ein Jugendschiedsrichter steht mittendrin und ist der Einzige ohne Mannschaft. Er muss geschützt werden, und zwar von allen, die danebenstehen. In der F-Jugend habe ich Vorfälle nur sehr selten erlebt, und das liegt auch daran, dass dort niemand pfeift.

Was dein Zuruf auf jeder Stufe auslöst

Auf jeder Stufe tut derselbe Zuruf etwas anderes. Bei einem Vierjährigen holt er das Kind vom Feld, bei einem Zehnjährigen fängt er eine Diskussion an.

AlterWas am Spieltag passiertWas dein Zuruf auslöstWas geht
3–4 Jahre (vor G)Meist gar kein Spieltag. Wo Vereine Minikicker zu Bambini-Spielfesten mitnehmen, spielt das Kind neben dem Spiel, nicht im SpielEs hört seinen Namen und kommt zu dir. Der Zuruf holt das Kind vom FeldWinken, klatschen, da sein. Und aushalten, dass es fünf Minuten am Rand steht und zuschaut
5–6 Jahre (G, Bambini)2 gegen 2 oder 3 gegen 3 auf vier Minitore, kein Torwart, kein Schiedsrichter, Wechsel nach jedem Tor oder nach ein paar MinutenMit Ball hört es dich nicht, ohne Ball dreht es den KopfDie drei Sätze. Und der Platz am Rand, den die Regel vorgibt: drei Meter, in Berlin fünfzehn
7–8 Jahre (F)3 gegen 3 bis 5 gegen 5, zum ersten Mal eine Bank, immer noch kein SchiedsrichterJetzt versteht es die Anweisung und führt sie aus, auch wenn sie falsch ist. Der Junge am Einwurf spielt hier. Das Kind sieht zur Linie, bevor es zum Ball siehtDie drei Sätze, weiter weg stehen. Oder die andere Rolle: Spielfeldbegleiter statt Zuschauer, dann ist Reden erlaubt und sinnvoll
9–10 Jahre (E)5 gegen 5 bis 7 gegen 7, je nach Verband ein Schiedsrichter, im 7 gegen 7 der erste Ligabetrieb mit ErgebnisEs hört die Anweisung, vergleicht sie mit dem, was es selbst sieht, und entscheidet gegen eine von beiden. Kritik an einem Mitspieler kommt jetzt an und bleibtDie drei Sätze gelten weiter, die Autofahrt wird wichtiger als die Linie. Und zum Schiedsrichter nichts, jetzt erst recht

Die Autofahrt danach

Nach sechs Spielen sitzt dein Kind auf der Rückbank, und du diskutierst jetzt bitte nicht den einen Fehler aus Spiel drei. Auch „Hast du getroffen?“ zeigt ihm, was dir wichtig ist. Der beste Einstieg ist keine Frage: „Schön war‘s.“ Dann Schweigen. Nach einem guten Spieltag bricht es irgendwann von allein aus dem Kind heraus.

Was du sonst noch sagst und lässt, was nach einem 0:8 geht und welcher Absatz davon in den Elternchat gehört, steht unter Nach dem Spiel. Und warum an diesem Vormittag ohnehin niemand mitzählt, ist Kapitel 08 des Leitfadens: Funino: was Eltern am Spielfeldrand sehen.

Häufige Fragen

Darf ich mein Kind beim Spiel anfeuern?

Ja. Anfeuern richtet sich an das Kind, und das ist erwünscht. Was nicht geht, ist Anweisen: „Nach links, spiel ab“ richtet sich an das Spiel, und das gehört an diesem Vormittag den Kindern. Drei Sätze gehen immer: „Nächster Ball.“ „Gut hinterher.“ „Ja, so.“

Wie weit muss ich vom Spielfeld weg stehen?

Der DFB verlangt in den Fair-Play-Regeln mindestens drei Meter Abstand zum Kleinspielfeld, ausdrücklich auch für Familienmitglieder. Berlin zieht die Eltern-Fan-Zone auf fünfzehn Meter. Was bei dir gilt, steht in den Durchführungsbestimmungen deines Landesverbands.

alle-altersstufenfuer-elternseitenliniemotivation