Mein Kind will nicht mehr zum Fußball: was jetzt?
Hinter „keine Lust“ stecken meist drei Gründe: Druck, kein Spaß, kein Fortschritt. Woran du sie auseinanderhältst, was zuerst hilft und warum Aufhören erlaubt ist.
9 Min. Lesezeitvon Patrick Schneider
„Seit drei Wochen muss ich ihn zum Training überreden. Zwinge ich ihn, oder lasse ich ihn?“ Weder noch, erst mal. Erst zuhören, dann reden, und vorher weder abmelden noch durchsetzen. „Ich hab keine Lust“ ist keine Begründung. Es ist das Ende dessen, was ein Achtjähriger in Worte bekommt, und dahinter steckt bei den Kindern, die ich kenne, einer von drei Gründen: zu viel Druck, kein Spaß, kein Fortschritt.
Ein Kind, das „keine Lust“ sagt, sagt nicht, dass ihm Fußball egal ist. Es sagt, dass es den Grund nicht benennen kann. Den findest du nicht, indem du es fragst, sondern indem du hinsiehst: auf den Zeitpunkt, auf die Gruppe und auf den Vergleich. Das hier ist Kapitel 13 des Elternleitfadens.
Die drei Gründe, und woran du sie auseinanderhältst
Von außen sehen die drei gleich aus: ein Kind, das am Dienstag um fünf nicht in die Schuhe will. Sie brauchen aber entgegengesetzte Antworten, und deshalb lohnt es sich, vor dem ersten Gespräch zwei Wochen lang nur zu beobachten.
Zu viel Druck erkennst du am Zeitpunkt. Es fängt am Freitagabend an, nicht am Dienstag. Das Kind will zum Training, aber nicht zum Spiel, weil im Training niemand zählt und am Samstag jeder. Und der Druck kommt nicht immer vom Trainer. Er kommt oft aus dem Auto, von der Frage „Und, habt ihr gewonnen?“, bevor die Tür zu ist. Was du auf der Fahrt nach Hause sagst und was du lässt, steht in einem eigenen Artikel.
Kein Spaß erkennst du an der Gruppe. Das Kind will zu beidem nicht, weder zum Training noch zum Spiel, und dahinter steckt meistens etwas Soziales: Der beste Freund hat gewechselt, es hat niemanden zum Abklatschen, es wird beim Mannschaftenwählen zuletzt gerufen. Für die Kinder in meiner Mannschaft ist Fußball zuerst eine Gruppe und dann ein Sport. Die Frage, die hier weiterhilft: Wer hat eigentlich aufgehört, dein Kind oder sein Freund?
Kein Fortschritt erkennst du am Vergleich, und diesen Grund vermuten Eltern am seltensten. Ein Neunjähriger merkt genau, dass er seit einem Jahr nicht besser wird, während zwei andere davongezogen sind. Er sagt es nicht, er sagt „keine Lust“. Bei uns passiert das in der Regel beim Saisonwechsel, wenn die Mannschaft neu gemischt wird und auf einmal sichtbar ist, wer wo steht.
Dazu kommt etwas, das ich ungern schreibe. Ich habe Trainer erlebt, die schwächere Kinder aussieben. Das geht ohne Rauswurf: weniger Spielzeit, weniger Aufmerksamkeit, bis das Kind von selbst geht. Das ist der Grund „kein Fortschritt“ von der anderen Seite.
| Grund | Woran du ihn erkennst | Was zuerst hilft | Was ihn verschlimmert |
|---|---|---|---|
| Zu viel Druck | Am Zeitpunkt: Es fängt am Freitag an, nicht am Dienstag. Training ja, Spiel nein | Dein eigenes Verhalten am Rand und im Auto ändern, bevor du am Kind etwas änderst | Nachfragen nach dem Ergebnis, der eine Fehler aus Spiel drei, der Vergleich mit dem Geschwisterkind |
| Kein Spaß | An der Gruppe: zu beidem nicht. Der Freund ist weg, niemand zum Abklatschen, zuletzt gewählt | Nach der Gruppe fragen, nicht nach der Leistung. Eine andere Mannschaft im selben Verein, wenn dort ein Freund spielt | Techniktraining, mehr Üben, ein besserer Verein. Das Kind wird dann besser und ist immer noch allein |
| Kein Fortschritt | Am Vergleich: Es weiß, dass zwei andere davongezogen sind. Fällt beim Saisonwechsel auf, und das Kind sagt es nicht | Zuerst nachsehen, ob es überhaupt Gelegenheit hatte, besser zu werden: Spielzeit, Ball am Fuß. Dann Kapitel 16 | Belohnungen fürs Hingehen, ein Vertrag bis zum Sommer, „du hast dich angemeldet“ |
Was „will nicht mehr“ auf welcher Stufe heißt
Über die vier Stufen wechselt, welcher der drei Gründe der wahrscheinlichste ist. Wer bei einem Sechsjährigen sucht, sucht nicht dasselbe wie bei einem Zehnjährigen.
| Alter | Was „will nicht mehr“ hier meist heißt | Der wahrscheinlichste Grund | Was du zuerst tust |
|---|---|---|---|
| 3–4 Jahre (vor G) | Heute nicht. Auf dieser Stufe ist Wollen keine Haltung, sondern eine Tagesform. Nächste Woche geht es wieder | Keiner der drei. Müde, hungrig, ein anderes Kind, das gerade interessanter ist | Nichts deuten. Hingehen, dabeibleiben, und wenn es nicht mitmacht, macht es nicht mit |
| 5–6 Jahre (G, Bambini) | Etwas außerhalb des Fußballs: Der Freund ist nicht da, es war ein langer Tag, die Halle ist laut | Kein Spaß, aber selten als Urteil über den Verein. Druck kommt auf dieser Stufe fast nur von außen, und das heißt meist: von den Eltern | Zwei Wochen abwarten, bevor überhaupt etwas besprochen wird. Ein Gespräch über Aufhören ist hier nach meiner Erfahrung verfrüht |
| 7–8 Jahre (F) | Jetzt trägt die Gruppe, und jetzt kann sie wegbrechen. Das Alter, in dem der beste Freund den Verein wechselt und das eigene Kind vier Wochen später auch nicht mehr will | Kein Spaß, diesmal ernst gemeint. Dazu der erste Druck, der wirklich vom Spieltag kommt, weil es hier zum ersten Mal eine Bank gibt | Fragen, wer aufgehört hat: das Kind oder sein bester Freund. Die beiden Antworten führen zu verschiedenen Lösungen |
| 9–10 Jahre (E) | Das Kind vergleicht sich und weiß, wo es steht. Hier hört es wirklich auf, wenn nichts passiert, und es sagt vorher weniger als auf jeder Stufe davor | Kein Fortschritt: der Grund, den Eltern am seltensten vermuten und der hier am häufigsten stimmt | Zuerst nachsehen, ob es Gelegenheit hatte, besser zu werden: Spielzeit, Training, Ball am Fuß. Erst danach über die Lust reden |
Wie du das Gespräch führst
Nicht im Auto, nicht direkt nach dem Spiel, nicht als Verhör. Am besten an einem Tag, an dem kein Fußball ist, beim Abendessen oder beim Zubettgehen, wenn das Kind ohnehin redet.
Die Frage, die nichts hergibt: „Warum willst du nicht mehr?“ Darauf antwortet kein Kind, weil es die Antwort selbst nicht kennt. Drei Fragen, die etwas hergeben: „Was war beim letzten Training am besten?“ „Mit wem hast du beim Spielfest zusammengespielt?“ „Wenn du dir aussuchen dürftest, was am Dienstag anders ist, was wäre das?“ Mehr brauchst du nicht. Und wenn nach der ersten Frage etwas kommt, stellst du die anderen beiden nicht mehr.
Du bist nicht der Einzelfall
Von den Kindern, die im Grundschulalter anfangen, hört ein großer Teil als Jugendliche wieder auf. Eine belastbare Zahl dafür gibt es nicht. Aber wenn man die Spielerzahlen einer A-Jugend und einer G-Jugend vergleicht, ist das Ganze offensichtlich.
Was zuerst probiert wird
Die Reihenfolge ist nach dem sortiert, was sich wieder rückgängig machen lässt. Jeder Schritt kostet mehr als der davor, und die Fälle, die ich kenne, enden auf den ersten beiden. Der Wechsel steht weit hinten, mit Absicht.
- Eine Pause. Vier Wochen nicht hingehen, mit Ansage beim Trainer. Kostet nichts, außer dass man es aushält.
- Ein anderer Trainingstag oder eine andere Gruppe, wenn der Verein zwei hat. Kostet ein Gespräch mit dem Trainer.
- Eine andere Mannschaft im selben Verein, in der F-Jugend oft einen Jahrgang tiefer, ab der E eine zweite Mannschaft. Kostet keine Freigabe, aber den Abschied von der Gruppe.
- Der andere Verein. Kostet Freigabe, Fristen, eine neue Anfahrt und alle Freunde auf einmal.
- Aufhören. Kostet den Fußball, vorerst.
Die Pause
Sie bekommt einen eigenen Abschnitt, weil sie die Möglichkeit ist, die am seltensten genutzt wird. Vier Wochen nicht hingehen ist eine Pause und noch keine Entscheidung, und eine Saison ändert sich vom Herbst über den Winter in den Frühling: andere Halle, anderes Licht, ein neues Kind in der Gruppe, ein Spielfest, das gut läuft. Wer im November aufhört, hört oft im November auf und nicht mit dem Fußball.
Sag dem Trainer, dass ihr vier Wochen aussetzt, und sag ihm, warum. Ein Trainer, der das weiß, fragt nach vier Wochen nach. Einer, der nur ein leeres Feld auf der Anwesenheitsliste sieht, fragt nicht.
Ich habe einen Spieler erlebt, der nach einer Pause wiedergekommen ist und jetzt wieder Vollgas dabei ist. Es gibt also durchaus auch positive Beispiele.
Was den drei Gründen hilft
Beim Druck ändert sich das Verhalten der Eltern, nicht das des Kindes. Keine Frage nach dem Ergebnis, kein Fehler aus Spiel drei auf der Rückbank, kein „Warum hast du nicht gespielt?“. Das reicht oft schon, und es kostet zwei Samstage Selbstbeherrschung. Wenn der Druck vom Trainer kommt, weil er brüllt oder weil am Samstag nur die Besten spielen, ist das ein anderer Artikel: Wenn der Trainer schreit.
Beim fehlenden Spaß geht es um die Gruppe, nicht um die Leistung. Eine andere Mannschaft, in der ein Freund spielt, hilft mehr als jedes Techniktraining. Und wenn der beste Freund gewechselt hat, ist die Frage, ob dein Kind ihm hinterherwill oder ob es einfach noch niemanden Neuen hat. Beides kommt vor, und beides löst sich anders.
Beim fehlenden Fortschritt ist es umgekehrt: Da hilft die Gruppe nichts, da hilft Ball am Fuß. Vorher aber eine Frage, die Eltern selten stellen: Hatte das Kind überhaupt Gelegenheit, besser zu werden? Wer bei fünf Kaderplätzen als eines von zehn Kindern mitfährt, spielt die halbe Zeit nicht, und wer nicht spielt, wird nicht besser. Dann liegt die Ursache nicht beim Kind, und wie du das nachzählst, steht in Einsatzzeiten im Kinderfußball. Und wenn es wirklich am Können liegt, ist Kapitel 16 des Leitfadens dran: Fußball üben zu Hause.
Was es verschlimmert
Belohnungen fürs Hingehen. Verträge: „Noch bis zum Sommer, dann darfst du.“ Der Vergleich mit dem Geschwisterkind. Das Kind vor dem Trainer zum Reden auffordern. Und der Satz „Du hast dich angemeldet, jetzt ziehst du das durch.“ Der macht aus einem Dienstagnachmittag eine Charakterfrage, und ein Achtjähriger hat keinen Charakter zu beweisen.
Die Ausnahme ist, wenn man offensichtlich sieht, dass das Kind Spaß hat, sobald es dort ist, und nur zu Hause keine Lust hat.
Aufhören ist erlaubt
Ein Kind, das mit neun aufhört, hat nichts abgebrochen. Es hat drei Jahre lang zweimal die Woche Sport gemacht, draußen, mit anderen, und dafür ist der Verein da. „Durchhalten lernt man im Sport“ halte ich für einen Satz, den Erwachsene für sich selbst brauchen. Ein Kind, das gehen darf, kommt, glaube ich, leichter wieder als eines, das bleiben musste.
Wenn ihr aufhört, hört ordentlich auf. Dem Trainer selbst sagen, nicht über den Elternchat und nicht durch Wegbleiben. Es dauert zwei Minuten und macht den Weg zurück leichter, und den gibt es. Was mit Beitrag, Freigabe und Pass passiert, ist Papier und steht in Kapitel 05 des Leitfadens: Anmeldung, Beitrag, Spielerpass.
Und wenn nach allem der Ort das Problem bleibt und nicht der Fußball, also die Gruppe, der Trainer, die Entfernung, dann ist der Vereinswechsel die Frage. Er hilft genau dann. Liegt das Problem am Fußball, stehst du in vier Monaten woanders genauso da. Wann er hilft und wie er abläuft, ist der dritte Artikel unter diesem Kapitel: Vereinswechsel, wann er hilft.
Häufige Fragen
Soll ich mein Kind zum Training zwingen?
Nein. Aber auch nicht sofort abmelden. Erst herausfinden, welcher der drei Gründe dahintersteckt: Druck erkennst du daran, dass es am Freitag anfängt und nicht am Dienstag; fehlenden Spaß daran, dass es zu beidem nicht will; fehlenden Fortschritt daran, dass es sich mit anderen vergleicht. Danach eine Pause von vier Wochen, und erst dann eine Entscheidung.
Wie viele Kinder hören mit dem Fußball wieder auf?
Eine belastbare Zahl gibt es nicht, und ich nenne deshalb keine. Sicher ist, dass ein großer Teil der Kinder, die im Grundschulalter anfangen, als Jugendliche wieder aufhört. Wenn dein Kind mit neun nicht mehr will, bist du eher der Normalfall als die Ausnahme.
Wie melde ich mein Kind richtig vom Fußball ab?
Dem Trainer selbst sagen, nicht über den Elternchat und nicht durch Wegbleiben. Es dauert zwei Minuten und macht den Weg zurück leichter. Fristen, Freigabe und Beitragskündigung sind Papierkram und stehen in Kapitel 05 des Elternleitfadens.
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